Interessengemeinschaft Pichofunk
DP5V/DB0PIB, Amateurfunk aus der Oberlausitz rund um die Welt

Geschichte A-Turm

Der Richtfunkturm auf dem Picho

Wer in der letzten Zeit den Großen Picho in der Oberlausitz besucht hat, wird vielleicht die Bauaktivitäten neben dem Richtfunkturm bemerkt haben. Inzwischen steht ein die Bäume überragender und weithin sichtbarer neuer Gittermast neben dem alten Turm. Zeit, sich einmal etwas näher mit diesem markanten Bauwerk, dem A-Turm zu befassen. Widersprüche oder Fehler sind aufgrund des zeitlichen Abstandes leider nicht auszuschließen.

Anfang der 1950er Jahren wurde durch die Parteiführung der SED entschieden, ein unabhängig von der Deutschen Post und unter voller Kontrolle der SED betriebenes Nachrichtenübertragungsnetz auf dem Gebiet der DDR aufzubauen. Dieses sollte der Sprach- und Fernschreibübertragung zwischen wichtigen Verwaltungseinrichtungen der SED (Zentralkomitee / Bezirks- / Kreisleitungen) dienen. Hierfür war vorgesehen, die damals noch recht junge Technik stark gerichteter Funkverbindungen unter Verwendung relativ hoher Funkfrequenzen anzuwenden => Richtfunk. Von ihr versprach man sich eine schnelle Verfügbarkeit, geringe Störanfälligkeit und geringe Manipulierbarkeit

(im Vergleich zu üblichen Telefonkabelverbindungen) sowie im Gegensatz zur damals üblichen Grenzwellen-, Kurzwellen- und UKW-Funktechnik eine nur sehr geringe Aufklär- und Abhörbarkeit. Um die für Richtfunk notwendige starke Bündelung in eine Richtung technisch umsetzen zu können, bedarf es Funkwellen geringer Wellenlänge, die sich ähnlich dem sichtbaren Licht verhalten. Ergo - die beiden Funkpartner einer Richtfunkverbindung müssen sich quasi immer sehen. Das gilt ganz besonders bei Funkpartnern die nicht nur wenige Hundert Meter, bis einige Kilometer entfernt sind, so wie es bei Kurzstreckenverbindungen zwischen Mobilfunkhandy's und den zugehörigen Mobilfunkbasisstationen heute typisch ist. Aus diesem Grund sind die Planer des Richtfunknetzes auf die Suche nach hohen Gebäuden, Erhebungen und Bergen gegangen, die eine quasioptische Sichtbeziehung zueinander und zu den Einrichtungen der SED hatten.

Im östlichen Raum des damaligen Bezirkes Dresden wurde ein Berg gesucht, der eine quasioptische Sichtbeziehung nach Dresden-Gompitz, sowie nach Cottbus (Berg bei Klein Oßnig) besitzt. Ziel war es, die beiden damaligen Bezirksstädte sicher zu verbinden.

Zusätzlich sollten möglichst viele Kreisstädte im Umfeld dieses Berges per Richtfunk an das Nachrichtennetz angebunden werden können. Nach ersten Erfahrungen auf dem Valtenberg südlich von Neukirch / Lausitz, fiel die Wahl auf den Großen Picho bei Tautewalde/Wilthen. Hier bestand neben einer möglichen Richtfunkbeziehung in Richtung Dresden (ca. 51 km) und Cottbus (ca. 66 km), die topografische Gegebenheit die Kreisstätte Bischofswerda, Kamenz und Bautzen direkt per Richtfunk zu erreichen.

Zusätzlich war zu erwarten, dass durch den Aufbau einer Richtfunkverbindung zu einer gleichartigen Richtfunkstelle auf dem Berg Kottmar bei Walddorf/Eibau weitere Kreisstädte im Osten und Südosten des Bezirkes Dresden mit Richtfunk verbunden werden könnten. Das Gleiche galt für die angedachte Anbindung von Sebnitz über eine Richtfunkumsetzerstelle auf dem Berg Unger bei Neustadt in Sachsen. Das Anforderungsprofil an einen Zweckbau, der auf den Bergen und Erhebungen sowohl Antennen, Funkanlagen,
Fernwirk-/Alarmtechnik, Stromversorgungstechnik und ggf. Bedien-, Reparatur- und Wachpersonal sicher aufnehmen sollte, war sehr umfangreich.

Die in der Planungszeit der 1950er Jahre zur Verfügung stehende Richtfunktechnik war gekennzeichnet von schwerer Röhrentechnik, sowie von der Notwendigkeit den Leitungsweg für höchstfrequente Funksignale zwischen Richtfunkgerät (mehr ein Richtfunkschrank) und der Richtfunkantenne so kurz wie möglich zu halten. Heutige Richtfunkanlagen verarbeiten die höchstfrequenten Funksignale vielfach in kleinen Außeneinheiten in unmittelbarer Nähe der montierten Richtantennen und setzten diese in niederfrequente Bereiche um, mit denen problemlos auch längere Leitungswege bis zur eigentlichen Signalverarbeitung am Fuß von Masten und Türmen betrieben werden können. Zusätzlich bedurften die geplanten, stark bündelnden Richtfunkantennen (zumeist Parabolspiegelantennen) aufgrund Ihrer Größe, Masse und großen Windlast sehr stabiler Befestigungsmöglichkeiten, die sich auch unter großer Windbelastung (ggf. mit Eisansatz) nicht bewegen oder schwingen sollten. Als Summe dieser Anforderungen sowie der Notwendigkeit der dauerhaften Baumfreiheit, entschieden sich die Bautechniker der damaligen Zeit für ein rechteckiges, massives, turmartiges Gebäude mit einer Höhe von ca. 20 m + Antennenträgerhöhe ca. 10 m. Hierbei spielte auch die Einordnung als Gebäude der Landesverteidung eine wichtige Rolle. Unter anderem war geplant, im Verteidigungsfall Luftraumbeobachtung von den Türmen durchzuführen. In den oberen Etagen waren die Wach- und Beobachtungsräume sowie Betriebsräume für die funktechnischen Anlagen vorgesehen.

Mit kurzen Antennenleitungswegen würde sich als eine Art Dachgarten die Antennenträgerkonstruktion darüber anschließen. Die so konzipierten und in den 1950er und 1960er Jahren gebauten Typentürme wurden "A-Turm" genannt und sind zum Teil noch heute in verschiedenen Höhen und Ausbaustufen mit aktueller funktechnischer Nutzung zu finden. Nach dem letzten Stand der Recherchen liegt das Baujahr des Turmes auf dem Picho im Zeitraum 1958-1959. Heute ist davon auszugehen, dass Funkanlagen für Mobilfunk (GSM900/LTE800 - Deutsche Telekom), Reste des klassischen Behördenfunks (4m/2m/70cm-Band - jedoch nicht TETRA), sowie entsprechende Zubringerrichtfunkanlagen mit regionaler Bedeutung auf dem Pichoer Funkturm betrieben werden. Aufgrund sich ändernder funktechnischer Anforderung ist ein höherer Ersatzneubau im Gespräch.

Ergänzend sei bemerkt, dass der Richtfunkturm in der Zeit bis 1990 für militärische Richtfunkverbindungen zwischen dem Raum Cottbus, dem Raum Dresden und der Oberlausitz durch die NVA mitbenutzt wurde. Gleichfalls wurden zur täglichen Übertragung von Drucksätzen der SED-Zeitung "Neues Deutschland" an die Bezirksdruckerei Dresden eigenständige Richtfunkanlagen auf dem Turm betrieben. Der am Fuß des Turmes stehende Anbau mit Schrägdach zeugt von Erweiterungarbeiten Mitte der 1960er Jahre um entsprechend Platz zu schaffen. Er diente vorrangig als Brennstofflager für die Beheizung des Gebäudes.


A-Turm und Gittermast im Bau

Der Funkturm auf dem Picho, Bauarbeiten am neuen Gittermast

 

Durch die öffentlich zugängliche Publikation der BStU wurde bekannt, dass auf dem Picho eine sogenannte 'Kommandosendestelle' der Hauptabteilung III "Funkaufklärung und Funkabwehr" in den 1980er Jahren betrieben wurde. Hierbei handelte es sich offensichtlich ebenfalls um ein internes Funkkommunikationsmittel des MfS, mit dem Ziel mobilen Einheiten schnell Befehle und Anweisungen durch rundfunkartige Aussendung zu übermitteln. Über die hierfür eingesetzte Sendetechnik und genutzte Frequenzen ist nichts Konkretes bekannt. Der Einsatz von vorgenannter UKW-Funktechnik aus Berlin-Köpenick - System U700 - im 2m-Band, ggf. mit höherer Sendeleistung, ist naheliegend. Entsprechend der Lage der anderen 'Kommandosendestellen' auf dem Gebiet der DDR war eine praktische Funkabdeckung von östlich Dresden über das Zittauer Gebirge bis in den Spreewald vom Picho aus zu erwarten.

Nach vorliegenden Informationen wurden diese A-Türme auch als Sende- und Empfangsstellen für Mobilfunk des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) mitbenutzt.
Hierbei wurden Funkfrequenzen im 2m-Band (146 - 174 MHz) für Verbindungen mit mobilen Teilnehmern eingesetzt.

Nachdem die betriebliche Organisation und Unterhaltung der Richtfunktürme des Nachrichtennetzes der SED zum Jahresbeginn 1984 an die Deutschen Post (DP) übertragen wurde, entstand in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre die Möglichkeit, die Richtfunk-A-Türme für technisch-organisatorischen Betriebsfunk innerhalb der Deutschen Post mitzunutzen.
Aus diversen Quellen geht hervor, dass im damaligen Bezirk Dresden neben dem Turm in Dresden-Gompitz auch der Turm auf dem Picho als fernbediente Funkstelle für diesen Zweck zum Einsatz gekommen ist. Dabei wurden auf den Türmen modifizierte 2m-Band-Handfunkgeräte UFT 721 mit stationärer Stromversorgung und fest installierter Rundstrahlantenne verwendet. Die Sprachübertragung zwischen dem Picho und Dresden-Gompitz geschah über Sprachkanäle des vorhandenen Richtfunknetzes.

Das soll nur ein kleiner Beitrag zur Geschichte des A-Turms auf dem Großen Picho gewesen sein. Sicher gäbe es noch mehr zu berichten, aber Zeitzeugen gibt es kaum noch oder sie berufen sich auf ihre abgegebene Schweigeverpflichtung. Nach derzeitigen Planungen wird der A-Turm bis auf einen bestimmten Restteil zurückgebaut. Bemühungen seitens der IG Pichofunk als auch der Eisenbahnfunkamateure aus Wilthen den Turm zu übernehmen sind bisher gescheitert. Überhaupt scheinen diese A-Türme auch heute noch ein "Politikum" zu sein. Im MDR lief einmal im wenig beachteten Nachmittagsprogramm ein kurzer Bericht dazu, der leider nie wiederholt wurde.


DG4DSL, Januar 2018